Das Schicksal von Waisenkindern in Russland

Die Geschichte von Anastasia ist eine von vielen ähnlichen Geschichten – das Schicksal von Waisenkindern in Russland

Pascale und Anastasia mit ihrem Sohn Andrej - Mai 2016

Ein Bericht von Pascale Vayer

Anastasia ist mittlerweile 21 Jahre alt, sie ist eine russische Sozialwaise. Ich traf sie zum ersten Mal 2009 im Waisenhaus von Vorontsovo in der Region Pskov. In Vorontsovo leben Kinder und Jugendliche mit leichten mentalen Behinderungen, Kinder die durch ihren Zustand nicht lernen können. Das sind Kinder, die entweder keine Eltern haben, deren Eltern die Erziehungsrechte aufgrund von schwerwiegenden Umständen entzogen wurden oder Kinder von sehr armen Familien die ihre Kinder nicht ernähren können. Alle diese Kinder haben Traumata und leiden unter dem Mangel an familiärer Liebe und Sicherheit. Anastasia wurde als schizophren diagnostiziert, eine Diagnose, die sie mit sehr vielen anderen Kindern teilt, die das Leben im Waisenhaus nicht widerspruchslos hinnehmen. Anastasia lebte mehr als 10 Jahre in diesem Waisenhaus, lesen Sie ihre Geschichte:

  Ich bin in ‘Novosokolniki’ geboren, einem kleinen Städtchen, das ich sehr mag. Meine Mutter heißt Nina Sergeevna, sie war noch sehr jung als ich geboren war und ist in die Schule gegangen.  Deswegen hat sie mich in ein Kinderhaus für Babys gegeben, dort lebte ich 1 Jahr. Danach haben wir gemeinsam mit meinen Großeltern gelebt.

Als die Großeltern gestorben sind, hat meine Mutter angefangen zu trinken. Sie hat uns Kindern auch Wodka gegeben, hat uns kein Essen gegeben, hat uns aber gefesselt und geschlagen. Sie hat uns auch gezwungen zu stehlen und das Essen in den Mülltonnen zu suchen. 

Mit 7 bin ich ins Kinderheim gekommen. Dort waren alle nett zu mit.

Nach 1,5 Jahren wurde ich in das Waisenhaus von Vorontsovo gebracht.  Ich war sehr verschlossen und habe ein Jahr lang mit keinem Erwachsenen geredet. Deswegen haben mich die Erzieher oft beleidigt und beschimpft. Als Strafe habe ich oft kein Essen bekommen.

Einmal war ich den ganzen Tag eingesperrt und war so hungrig, dass ich aus dem Fenster gesprungen bin. Dabei habe ich mein Bein gebrochen und war ein halbes Jahr in Spital. Ich war damals 8 Jahre alt. Ich war oft eingesperrt, wenn die staatlichen Kontrollen unser Heim besucht haben, damit ich denen nichts erzähle. Ich habe immer gewartet, dass ich das Waisenhaus verlassen kann.

Danach bin ich in die Berufsschule gegangen und habe begonnen Floristin zu lernen. Ich habe den Lehrabschluss geschafft und danach Andrej, den Vater meines Kindes kennengelernt. Ich war so glücklich. Ich habe ihn mittlerweile verloren, er ist bei einem Autounfall gestorben, aber mich tröstet, ich habe ein Teilchen von ihm. Ich kann mir mein Leben ohne mein Kind Andrej nicht vorstellen.

Nina V., die Direktorin des Vorontsovo Heimes, hat mich nicht gerngehabt und immer, wenn Pascale von kleine herzen gekommen ist, hat sie mich eingesperrt, damit ich nicht mit ihr reden kann. Sie hat mich zu ihr nach Hause genommen. Alle Süßigkeiten, die mir meine österreichische Patin Petra S. geschickt hat, hat Nina genommen. Ich habe ihr im Gemüsegarten helfen müssen. Ich habe immer noch körperliche und seelische Narben von Nina. Sie wird früher oder später bestraft. Ich will sie nie wiedersehen, ich besuche Vorontsovo nicht.

Meinen Geschwistern geht es nicht gut. Mein Bruder trinkt, meine Halbschwester lebt mit ihrem Vater, er trinkt auch, aber er liebt meine Schwester. Meine Mutter trinkt auch weiter. Sie ist krank. Meinen Vater kenne ich nicht, ich habe ihn nie gesehen.

Anastasia, Vorontsovo - 2009
Anastasia, Vorontsovo - 2009
Anastasia 2012
Anastasia mit Diplom - 2013

In Vorontsovo hat sich aufgrund der Aktivitäten von kleine herzen und der Großzügigkeit von Sponsoren, Partnern, Paten und Spendern viel verändert. Es wurde die Infrastruktur deutlich verbessert, ein Kinderspielplatz gebaut, eine Lehrwerkstätte eingerichtet und viel in Bildung und psychologische Betreuung investiert. Die Direktorin wurde entlassen und das Waisenhaus in ein Kinderdorf nach SOS Kinderdorf Vorbild umgebaut, in dem Kinder in familienartigen Strukturen glücklich aufwachsen können.

Anastasia versucht mit ihrem einjährigen Kind Andrej ihr Leben zu meistern, aber es ist sehr schwer. Nach der Geburt ihres Kindes konnte sie die ersten Monate, dank der Unterstützung der Sozialbehörden, in einem SOS Kinderdorf verbringen. Sie wurde auch von einer Psychologin und Ärzten unterstützt. Sie muss nun mit einer staatlichen Beihilfe von RUB 5.000 (ca. € 70) auskommen und hofft bald eine kleine Sozialwohnung zugeteilt zu bekommen. Ihre österreichische Patenfamilie Petra und Ulrich S. unterstützt sie moralisch und mit finanziellen Zuwendungen. Die russischen Sozialbehörden haben Anastasia in ihr Betreuungsprogramm aufgenommen und kümmern sich um sie.

Anastasia mit Ihrem neugeborenen Sohn Andrej in SOS Kinderdorf
Anastasia mit ihrem neugeborenen Baby-Sohn Andrej in SOS Kinderdorf Pskov - April 2015
Anastasia und Andrej - Mai 2016
Andrej - Mai 2016

Anastasia ist kein Einzelfall, zu den Ärmsten in Russland gehören jetzt alleinerziehende Frauen mit minderjährigen Kindern. SoziologInnen und WirtschaftswissenschaftlerInnen sprechen von einer zunehmenden Feminisierung der Armut: Die Geburt des ersten Kindes verringert den schon bescheidenen Lebensstandard einer Frau um 30 %, die eines zweiten Kindes um 60 %.

kleine herzen hat ein Programm aufgebaut, in dem Jugendliche, die das Waisenhaus verlassen, während ihrer Berufsschulausbildung unterstützt werden. Damit können sie einen besseren Zugang zu einem eigenbestimmten glücklichen Leben finden.

Helfen Sie uns helfen und unterstützen sie kleine herzen dabei.

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